O du mein Österreich

Im Jahr 1849 war im Theater an der Wien Premiere des Dialektmärchenspiels " 's Alraunerl " von Baron Kleßheim. Die Musik war von dem damaligen Theaterkapellmeister Franz von Suppé. Es war ein, na ja, es war ein Erfolg. Nur die Sängerin, das Fräulein Rudini hat Pech gehabt. Denn sie wurde bei ihrem Lied "Das Röserl" derart ausgepfiffen, daß sie über die erste Strophe nicht hinausgekommen ist. Diese erste Strophe ist so gegangen:

Dort wo die Schneeberg' stolz die Köpf' in'd Wolken tragn
akrat als müßten was dem lieben Himmel sagn,
dort wo das reinste Wasser aus die Quellen fließt
dort wo der Jagerbua die Gamseln obaschiaßt,
wenn er so oben steht, hoch auf der Felsenwand,
ja, das ist mein Österreich, das ist mein Vaterland,
das ist mein Österreich, mein Vaterland!

Das Lied ist bald in Vergessenheit geraten, bis einige Jahre später der Schauspieler Karl Treumann für sich ein Couplet gebraucht hat. Er hat im Archiv gestöbert und hat dieses Lied, das Röserl aus dem Alraunerl, gefunden. Er hat sich gedacht, das ist eigentlich eine ganz hübsche Melodie, da könnt' ich mir einen neuen Text drauf machen. Und so ist ein kritisch-satirisches Couplet entstanden. Man könnte fast sagen, ein Spottlied auf Österreich und seine erste Strophe ist so gegangen:

Dort wo jetzt fest und g'wiß a neue Ära ist
wo 's Licht der Freiheit strahlt die Zukunft rosig malt
wo nicht kanalisiert und schlecht gepflastert wird
wo im Finanz-Portefeulle ist of ka Kreuzer drin,
das ist mein Österreich, wo ich geboren bin,
ja das ist mein Österreich, wo ich geboren bin,
das ist mei' Vaterstadt, mei' liebes Wien.

Und auf einmal war's ein riesen Erfolg. In allen Straßen und Gassen von Wien hat man diese Melodie gepfiffen und gesungen und andere Volks- und Straßensänger haben sich die Melodie ausgeborgt, so zum Beispiel auch ein Herr Schifferl und ein Herr Amon. Eine ihrer Strophen ist so gegangen:

Dort wo die Leut' ein'm a ka Sechserl aufer trag'n
dort wo 's schon zwanzig Jahr an einer Kirchen bau'n,
dort wo die Ringstraßen net schöner sein mehr kann
mit einem Opernhaus, das kostet sieben Million'
wo's einen Tiergarten hab'n und keine Viecher drin,
ja das ist mein Österreich, wo ich geboren bin,
das ist mei' Vaterstadt, mein halbes Wien.

Und dann, dann ist auch wieder die erste ursprüngliche Strophe zu Ehren gekommen und aus "Das ist mein Österreich" wurde "O du mein Österreich". Zur Silbernen Hochzeit des Kaisers und der Kaiserin hat Baron Kleßheim neuere Huldigungsstrophen geschrieben. Und zum siebzigsten Geburtstag von Franz von Suppé konnte man in einer Wiener Zeitung lesen: "Dieses Lied wird immer häufiger zur Stärkung des patriotischen Bewußtseins herangezogen". Naja, der Patriotismus geht eben oft seltsame Wege: Dort wo am Heimatland man laßt kein gutes Haar, hat dieses Lied net g'falln, weil's patriotisch war, die Leut' haben 'pfiffen gar, weil's patriotisch war. Dort wo man's später hin hat neu textiert, der Text hat unser Wien beschimpft und kritisiert. Dann hat's das Publikum begeistert anerkannt:

Ja, das ist mein Österreich, das ist mein Vaterland
das ist mein Österreich, mein Vaterland!


Quelle:
Programm "O du mein Österreich"
Elfriede Ott / Hans Weigel / Wien 1963


 

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